A children's book for adults by Jon Evans
Aus dem amerikanischen Englisch von Sven Räbiger

29. August 2007

45. Besucher steigen herab

Als Patch erwachte, konnte er aufstehen und auf drei Beinen gehen. Er konnte sein linkes Hinterbein immer noch nicht belasten, ohne eine Welle des Schmerzes auszulösen, aber die Schwellung des Beines war stark zurückgegangen. Patch fühlte sich ausgehungert. White hatte ihm einen kleinen Haufen Blumenzwiebel und Ginkonüsse zurückgelassen und er verschlang sie gierig, aber sie stillten seinen Hunger kaum.

Als er gerade fertig war, hörte er hinter sich das Flattern von Flügeln und eine erstaunte, vertraute Stimme sagte in der Vogelsprache: „Patch? Bist du das?“

Patch drehte sich um und sah seinen Bluejayfreund Toro.

„Patch!“ schrie Toro auf. „Es ist so lange her, ich dachte du wärst tot!“

„War ich fast,“ sagte Patch. „Viele Male. Toro, du weißt nicht, wie gut es tut, dich zu sehen.“

„Ich bin auch froh darüber, dich zu sehen. Was ist mit dir passiert?“

„Kennst du einen Bussard namens Karmerruk?“ fragte Patch.

Toro fröstelte. „Ja. Er ist derjenige, über den Bluejays reden, wenn sie sich gegenseitig Angst einjagen wollen.“

„Er hat mich gefangen, mich aber nicht getötet, weil…na ja, es ist kompliziert. Der Punkt ist, er trug mich weit fort und es hat seit dem gedauert, zurückzukommen. Und nun befindet sich mein Volk im Krieg, mein Stamm ist nicht mehr da und ich weiß nicht, was mit allen passiert ist.“

„Ich habe bemerkt, dass sich die Eichhörnchen komisch aufführten,“ sagte Toro nachdenklich. „Ich habe Eichhörnchen kämpfen sehen, meist in kleinen Gruppen, aber da gab es eine große Schlacht vor ein paar Tagen, auf der Großen Wiese. Es müssen hunderte und aberhunderte Eichhörnchen gewesen sein, die gegeneinander gekämpft haben. Es sah aus, als ob der Boden Fell gehabt hätte. Und Ratten haben auch gekämpft, mitten am Tag! Niemand hat jemals zuvor so etwas gesehen. Und nun ist das halbe Königreich frei von Eichhörnchen.“

„Ich nehme an, das ist gut für dich.“

„War es. Es gab so viel Nahrung da draußen, einige Bluejays wurden so fett, dass sie Probleme damit hatten, abzuheben. Aber nun nicht mehr. Es gibt jetzt überall im Königreich Krähen, Massen von ihnen, und sie fallen in unsere Bäume ein und essen unsere Nahrung. Auch davon hat niemand jemals zuvor gehört.“

„Kamen sie aus dem Osten?“ fragte Patch und dachte an die Bäume voller Krähen, welche er im Verborgenen Königreich erlebt hatte.

„Kamen sie. Und sie –“

„Geh weg von ihm!“ kreischte eine nun nicht mehr sanftmütige Stimme in unbeholfener Vogelsprache, und etwas felliges, weißes, verschwommenes stürzte die Ulme hinauf und auf Toro zu. Der Bluejay erhob sich gerade noch schnell genug in die Luft, um Whites Angriff auszuweichen.

„Nein, nicht!“ schrie Patch. „Er ist ein Freund!“

„Ein Freund? He – Patch, dir geht’s nicht gut. Er ist ein Bluejay! Er wollte deine Nahrung fressen!“

„Nein, wollte er nicht. Er ist wirklich ein Freund.“ Patch schaute zu Toro hinauf, der auf einem hohen Ast saß und wechselte in die Vogelsprache. „ Es ist in Ordnung Toro, du kannst wieder runterkommen.“

Einen Augenblick später flatterte Toro herunter und landete auf einem näher gelegenen Ast, immer noch Abstand von White haltend, welche ihrerseits genauso skeptisch gegenüber dem Bluejay blieb.

„Wer ist sie?“ fragte Toro.

„Sie kümmert sich um mich. Eine Ratte hat mich gebissen und ich wurde vergiftet. Ich bin immer noch nicht gesund. Ich verdanke ihr mein Leben.“

„Ich dachte mir schon, dass du schwach und dünn aussiehst. Du solltest mehr essen. Soll ich dir eine Eichel bringen?“

„Das,“ sagte Patch, „wäre großartig.“

„Kommt sofort.“ Toro schlug mit den Flügeln und flog davon.

White starrte Patch mit Verwunderung an. „Du sprichst die Vogelsprache?“

„Tue ich.“

„Du hast einen Bluejay als Freund?“

„Habe ich.“

Einen Augenblick später sagte sie: „Gestern hast du gesagt, dass du in der Unterwelt unterhalb der Berge warst, als Lord Snout selbst dich gebissen hat und du von Katzen gerettet wurdest.“

„Genau das ist passiert.“

„Du riechst nicht verrückt. Oder nach Delirium.“

„Bin ich auch nicht,“ sagte Patch. „Mir sind in letzter Zeit sind nur ziemlich viele Dinge passiert.“

„Verstehe. Die Schwarzblutkrankheit eingeschlossen. Na ja, die musst du nicht wieder durchmachen. Wenn du sie einmal hattest und einer der Wenigen bist, der sie überlebt, wirst du danach immun dagegen.“

„Freut mich zu hören,“ sagte Patch gefühlvoll.

White lächelte ihn wehmütig an. Dann schaute sie auf den Boden unter ihnen und fragte: „Jetzt, da du daheim bist, was gedenkst du nun zu tun?“

„Ich weiß es nicht. Du sagst, mein Stamm ist nicht mehr da…Ich weiß nicht, was ich tun soll.“

„Du kannst solange du möchtest hier bleiben. Mein Kobel ist ein bisschen weiter oben. In ihm ist eine Menge Platz. Ich meine, nur solange, bis du dir etwas ausgedacht hast.“

„Das ist sehr nett von dir,“ sagte Patch. „Aber ich habe meinen eigenen Kobel. Falls niemand anderer ihn sich genommen hat. Und ich muss herausfinden, was mit meinen Freunden und mit meiner Familie passiert ist.“

„Oh. Ja. Natürlich. Es tut mir leid, ich wollte nicht, ich weiß, du willst keinen Kobel mit einem Albino-Halbschwanz teilen, ich wollte dich nicht beleidigen, ich bin so dumm, ich weiß nicht, was –“

„Was meinst du?“ fragte Patch irritiert. „Mich beleidigen? Ich verdanke dir mein Leben. Und nach all den Dingen, die ich auf meinem Weg zurück nach Hause gesehen und getan habe, interessiert mich weder dein Schwanz noch dein Fell, glaube mir. Ich bin auch ein Ausgestoßener. Ich meine, wenn du Recht hast, habe ich keinen Stamm mehr, von dem ich verstoßen werden könnte. Ich würde gerne bleiben. Aber ich muss versuchen, meine Familie und Freunde zu finden.“

„Oh,“ sagte White und sie hörte sich erleichtert an. Sie machte eine Pause. „Ich verstehe. Nun ja, nicht wirklich. Ich hatte nie eine Familie. Oder Freunde. Aber ich kann es mir vorstellen.“

Patch sagte: „Jetzt hast du einen Freund.“

Sie sah ihn an und lächelte.

Es gab ein Flügelschlagen und Toro landete so, dass er Patch zwischen sich und White hatte. Er ließ die Eichel los, welche er in seinen Krallen hatte. Patch fing sie, bevor sie von der Ulme herunterfiel und verschlang sie gierig. Es gab keine Unterhaltung, solange er aß.

Als Patch von der fleischigen Eichel aufsah, seinen Bauch nun halbwegs befriedigt, starrte Toro leise in den Himmel, starr wie eine Statue. Verblüfft drehte sich Patch um, um White anzuschauen – und auch sie starrte leise nach oben; auch sie hatte aufgehört, sich zu bewegen und tiefes Entsetzen war ihr ins Gesicht geschrieben.

Patch hob seinen Kopf um zu sehen, was sie ansahen.

Ein Rotschwanzbussard saß auf einem Ast direkt über ihnen.

„Patch, Sohn von Silver;“ sagte Karmerruk. „So treffen wir uns wieder.“

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Jon Evans is the award-winning author of the thrillers Invisible Armies, Dark Places (aka Trail of the Dead), and The Blood Price. See his web site rezendi.com.

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