A children's book for adults by Jon Evans
Aus dem amerikanischen Englisch von Sven Räbiger

22. August 2007

38. Passagiere

„Bist du verrückt geworden?“ stammelte Patch.

„Ich halte es für eine vollkommen elegante Lösung unseres Problems,“ sagte Zelina. „Schau mal. Hier ist der Fluss, den wir überqueren müssen. Da ist die Brücke, die wir nicht wagen, hinüber zu rennen. Und da ist das große Automobil, welches uns mitnehmen wird.“

„Du bist verrückt geworden. Du willst wie ein Mensch in ein Automobil steigen und –“

„Nicht hinein,“ sagte Zelina. „Hinauf. Wir werden auf dem Dach mitfahren.“

„Wie werden wir aufs Dach kommen?“

„Von Zeit zu Zeit halten die großen Automobile genau hier an.“

Sie setzten sich auf ein dickes Luftstraßenseil in der Nähe von einem der vielen Orte, an denen sich zwei Schnellstraßen in einem Wald aus Metallästen und hängenden Lichtern trafen. Es stimmte, dass die großen Automobile, jene, die wie lange Metallkisten oder vollwändige Käfige aussahen, direkt unterhalb dieses Drahtseils anhielten. Aber –

„Ich springe nicht auf und fahre mit einem Automobil,“ sagte Patch schlichtweg.

„Sie haben flache Dächer. Sie sind so groß wie einige der Gebäude, die wir überquert haben.“

„Gebäude bewegen sich nicht!“

„Der ganze Reiz der Automobile liegt darin, dass sie sich bewegen. Sie werden uns über die Brücke und den Fluss bringen. Eines könnte uns meinetwegen möglicherweise den ganzen Weg bis zur Großen Prachtstraße bringen.“

„Und wie würden wir herunterkommen? Die Luftstraße ist zu hoch über uns, um hinauf zu springen.“

„Ich weiß es nicht,“ gab Zelina zu. „Aber wenn wir diesem Problem gegenüberstehen, werden wir auf der anderen Seite des Flusses sein und somit werden wir erfolgreich unser jetziges Problem gemeistert haben. Ich glaube daran, sich mit Hindernissen nacheinander auseinanderzusetzen.“

„Aber…was ist, wenn…“

Patch wurde still. Er fand nicht den richtigen Weg um zu diskutieren. Das Problem an ihrem Plan war nicht, dass er keinen Sinn machte. Das Problem war, dass er verrückt war. Das letzte Mal als Patch versucht hatte, auf einem menschlichen Gefährt mitzufahren, war er zuerst fast von einem Hund gefressen worden und anschließend wäre er fast ertrunken. Und die Idee, auf eine Todesmaschine zu springen und auf ihr über einen Ödlandstreifen zu fahren war sogar noch verrückter als die, sich in einem Boot zu verstecken. Er schaute die Luftstraße entlang zurück zu Wriggler, Quicknose und Backflip, aber sie waren in einiger Entfernung durch ihre eigene Unterhaltung abgelenkt.

Eine große Todesmaschine hielt unter ihnen an, sie keuchte und zischte so laut, dass Patch beinahe nichts anderes mehr hören konnte und sie stieß Schwaden aus, die nach Öl und Chemikalien rochen. Sie war so offensichtlich etwas, dem man aus dem Weg gehen sollte anstatt es zu benutzen, dass Patch vor Entsetzen schrie, als Zelina auf sie hinab sprang.

„Komm schon Patch!“ brüllte sie. „Es wird Zeit!“

Nein, dachte Patch. Wirklich nicht. Unter keinen Umständen würde er der wahnsinnigen Königin Aller Katzen auf diese stinkende, Rauch spuckende Todesmaschine folgen.

Aber dann begann sie, anzufahren und seine Beine gingen in die Hocke und sprangen beinahe so, als würden sie von jemand anderem kontrolliert und er schleuderte über das Metalldach des großen Automobils bis gefährlich Nahe zu seinem Rand hin, bevor er sein Gleichgewicht wieder fand und zu einer Stelle neben Zelina hinflitzte – oder vielmehr mit seinen Krallen auf dem kalten, rutschigen Dach Schlittschuh lief.

Das große Automobil rumpelte, fauchte und schüttelte sich unter ihnen. Patch konnte kaum glauben, was er gerade getan hatte. Er drehte sich um, um nach Wriggler und Quicknose und Backflip zu schauen und sah sie kleiner werden. Einen Augenblick lang spürte Patch eine Bewegung in seinen Knochen; dann schien das große Automobil einen kurzen Moment still zu stehen und es sah so aus, als würde sich die Welt um sie herum bewegen; und dann hielt es abrupt und mit einem Zittern an und Patch und Zelina verloren beide ihr Gleichgewicht und schleuderten über sein Dach hinweg nach vorne, und dann fuhr es wieder an und sie schleuderten nach hinten. Hätte es die kleinen Furchen nicht gegeben, in denen ihre Krallen Halt fanden, wären sie beide heruntergefallen und gestorben.

„Du irre Idiotin!“ brüllte Patch Zelina wütend an.

Zelina widersprach seinen Worten nicht. Sie roch nach und zitterte vor Entsetzen. Das große Automobil schaukelte, dröhnte und klapperte, während es auf seinem Start-Stop-Weg entlang der verstopften Schnellstraße fuhr und auf seinem Dach Patch und Zelina ziellos umhertaumelten und schleuderten, während sie sich verzweifelt vom mauerlosen Rand des Daches fernhielten. Ihr Kampf um Leben und Gleichgewicht war so nervenaufreibend und anspruchsvoll, dass Patch nicht bemerkte, dass sie sich auf der Brücke befanden, bis sie sie schon zu mehr als der Hälfte überquert hatten. Bis dahin war er zu verängstigt, herunter zu fallen, um sich Sorgen wegen der Falken zu machen.

Das große Automobil hielt für eine relativ lange Zeit an, als sie etwa drei Viertel des Weges über die Brücke gemeistert hatten und Patch und Zelina schafften es, zu Atem zu kommen. Patch war schlecht und schwindelig davon, herumgeworfen worden zu sein. Die Luft war mit dem beißenden Qualm der Automobile durchsetzt, aber eine Brise vom Großen Wasser im Süden her ließ sie atembar bleiben. Laute Hupgeräusche und Menschengebrüll waren zu hören und hallten von allen Seiten wider, während sie versuchten, sich an der Mitte des Autodachs festzuhalten.

„Das ist die schlechteste Idee, die ein Tier jemals gehabt hat!“ brüllte Patch.

„Ich hab dich nicht gezwungen, zu springen,“ stellte Zelina klar. „Und wir sind fast da.“

Der Bus fuhr erneut abrupt an und sie streckten sich der Länge nach hin – aber sie hatten etwas aus dem ersten, alptraumhaften Strudel aus Bewegungen gelernt, und indem sie sich auf den Bauch legten und die Krallen aller vier Gliedmaßen ausstreckten, schafften sie es, ihren Rutschweg einzuschränken und anschließend wieder zurück zur Dachmitte zu krabbeln. Der Ausblick unter ihnen wechselte auf beiden Seiten plötzlich von Wasser zu Beton. Sie hatten den Fluss überquert. Patch versuchte, sein Gedächtnisbuch zu öffnen und zu berechnen, wie weit er eigentlich vom Mittleren Königreich entfernt war, aber sein Verstand drehte sich zu sehr vor Angst und Aufregung, um sich zu konzentrieren.

„Such nach einem Ort, um abzuspringen,“ sagte Zelina.

Patch sah sich um. Er bemerkte mit wachsendem Entsetzen, dass es um sie herum keine einzige Luftstraße gab, keine Anordnung aus Pfählen und Drahtseilen, auf denen sie entlang klettern konnten und keine Bäume. Es gab nur Beton und Metall; umwerfend hohe Berge, die die Sonne verdeckten, Schnellstraßen und Bürgersteige aus Beton, Metallpfosten und Automobile.

„Ich sehe nirgendwo einen,“ sagte Patch.

„Ich auch nicht.“

Das große Automobil toste und brauste vorwärts. Als es um Ecken bog, was es mehrere Male tat, schlitterten Patch und Zelina durch das Abbiegen vom Kurveninneren fort und beinahe über die Seite des Automobils hinweg. Nach den ersten dieser Nahtoderfahrungen lernten sie, sich auf die entgegengesetzte Seite zu bewegen, sobald sie spürten, dass eine Kurve begann. Patch musste sich immer noch darauf konzentrieren, auf dem Automobil sitzen zu bleiben und nicht herunter zu fallen und zwischen seinen beräderten Gummifüßen und dem Beton zerquetscht zu werden. Katzen jedoch besitzen einen weitaus besseren Gleichgewichtssinn als Eichhörnchen, deshalb war Zelina in der Lage, ihrer Umgebung genügend Aufmerksamkeit zu schenken, um ihre Rettung wahrzunehmen.

„Bäume!“ schrie sie. „Schau Patch, Bäume!“

Es waren wenige, sie waren dürr und verwahrlost und schienen geradewegs aus dem Beton herauszuwachsen, aber da waren tatsächlich Bäume, welche diese jüngste Schnellstraße, auf die sie abgebogen waren säumten, und als das große Automobil das nächste Mal anhielt, befand sich einer der Bäume direkt neben ihm. Patch und Zelina zögerten nicht, auf seine Äste zu springen. Kurze Zeit später fuhr das große Automobil los und verschwand die Schnellstraße hinunter und ließ Patch und Zelina in der Sicherheit des Baumes auf der Insel des Mittleren Königreichs vorübergehend triumphierend zurück.

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Jon Evans is the award-winning author of the thrillers Invisible Armies, Dark Places (aka Trail of the Dead), and The Blood Price. See his web site rezendi.com.

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