A children's book for adults by Jon Evans
Aus dem amerikanischen Englisch von Sven Räbiger

19. August 2007

35. Kreaturen der Nacht

Der Weg hinaus führte über die zersprungene Ecke eines Glasstücks, welches etwa auf Menschenhöhe in eine Backsteinmauer eingelassen war. Zelina nannte das Glas ein Fenster. Die Ziegel der Mauer und insbesondere der Mörtel zwischen den Ziegeln waren gerade bröckelig genug, um einer Eichhörnchenkralle halt zu geben und gerade stabil genug, um das Gewicht eines Eichhörnchens zu tragen. Auch Zelina schaffte es, auf das Fenster zu klettern. Aber Talis musste am Boden gefangen zurückbleiben.

„Es tut mir leid Talis,“ sagte Patch. „Wir würden dir helfen zu entkommen, wenn wir könnten.“

„Heuchle mir keine Schuldgefühle vor, Patch, Sohn von Silver,“ brummte Talis. „Man hätte mir genauso gut eines meiner Beine abschneiden können wie mich diesen Schwur leisten zu lassen. Mach dir um mich keine Sorgen. Niemand muss sich jemals Sorgen um Füchse machen. Wir überleben. Ich weiß von ihrem Geruch her, durch welche Tür die Menschen hereinkommen werden. Wenn sie hereinkommen, werde ich hinausrennen. Und in der Zwischenzeit gibt es Kaninchen zu fressen.“

„Vergiss deine Schwüre nicht,“ sagte Zelina.

Der Fuchs fletschte die Zähne. „Ich sollte, und ich würde wenn ich könnte, Königin Aller Katzen. Seit nur verschwunden, bevor aus dieser Galle, die ich schmecke, Gift wird.“

Patch musste sich vorsichtig bewegen, um zu vermeiden, sich an dem zerbrochenen Glas zu schneiden. Der Boden draußen bestand aus unebenem Beton, welcher durch Menschenlichter schwach beleuchtet wurde und von kleineren Bergen umgeben war. Der Wind war kalt und roch nach Rost und Chemikalien und nicht einmal eine kleine Spur nach Gras oder Bäumen, aber Patch sog ihn ein, als wäre er der Wind des höchsten Himmels gewesen. Er war dem entsetzlichen Todesplatz entkommen, er stand ein weiteres Mal unter dem Mond. Und den Sternen. Da es tiefste Nacht war.

„Wir müssen einen Unterschlupf finden,“ sagte eines der anderen befreiten Eichhörnchen ängstlich.

„Ja,“ sagte Patch. „Kennst du dieses Königreich?“

„Nein.“

„Wir können nicht hier bleiben und uns unterhalten! Wir müssen einen Unterschlupf finden, jetzt, es ist Nacht!“ rief ein anderes Eichhörnchen aus, und dieses ließ ihren Worten Taten folgen, in dem es Fersengeld gab und rannte. Die anderen Eichhörnchen folgten ihrem Beispiel, bis nur noch Patch und Zelina übrig waren und Patch nervös zitterte.

„Was ist los?“ fragte Zelina verdutzt. „Wir sind entkommen!“

„Es ist Nacht. Wir müssen einen Unterschlupf finden.“

„Was ist verkehrt an der Nacht? Ich bin oft in der Nacht auf der Metalltreppe außerhalb meines Palastes gestanden und habe den Mond betrachtet.“

„Eulen!“ sagte Patch.

Es war mehr als die Eulen. Eichhörnchen fürchten die Nacht wegen der Blindheit, die sie mit sich bringt, wegen ihrer kalten Winde und wegen der Ratten und Waschbären, welche hervorkommen und die für sie natürliche Nacht durchstreifen. Aber mehr als alles andere fürchten sie die Eulen, die tödlichen, unbarmherzigen Killer welche lautlos durch den Nachthimmel ziehen, unsichtbar und unentdeckbar; fähig, durch die Dunkelheit hindurch zu sehen und die Bewegungen einer Maus oder eines Eichhörnchens oder einer Ratte zu erkennen und dann herab zu schießen und zuzuschlagen und es zu töten und fortzutragen und nichts als Dunkelheit und Stille als Spur zu hinterlassen. Es war ein Glaubensartikel unter den Eichhörnchen im Mittleren Königreich, dass eine Expedition in der Nacht zum Tod durch Eule führen würde. Und dies war nicht so weit von der Wahrheit entfernt, da Dutzende von Eulen jede Nacht kreisend und nach Beute suchend zwischen der Stadt und den Sternen schwebten.

„Wir müssen einen Unterschlupf finden,“ wiederholte Patch.

„Es gibt eine Luftstraße,“ sagte Zelina, und tatsächlich stand jenseits der Betonebene ein gefällter Baumstamm, von dem Drahtseile hingen.

„Nein,“ sagte Patch. „Wir müssen uns vor freien Plätzen fernhalten, nahe den Mauern, im Schatten.“

„Ich finde deine Angst befremdlich,“ sagte Zelina, aber sie klang nervös und protestierte nicht weiter.

Patch führte sie an dem Berg entlang, welcher sie beherbergt hatte, während er die Luft in der Hoffnung, eine Art Baumgeruch zu erhaschen, erschnüffelte. Aber da war nichts. Nur Menschengerüche.

„Es muss doch irgendwo einen Baum geben,“ sagte Patch verzweifelt.

„Wir können einen Unterschlupf am Boden suchen,“ schlug Zelina vor.

„Am Boden werden uns die Ratten finden. Wir benötigen einen Baum.“

„Metalltreppe.“

„Was?“ fragte Patch.

„Da drüben.“ Sie zeigte auf eine Art Gitterkonstruktion, die an der Mauer eines Gebäudes jenseits der Betonebene hing. „Siehst du die Ranke der Luftstraße, welche sich gleich an sie anschließt? Wir können hinüber springen. Dort werden uns keine Ratten erreichen. Und das Metall wird die Eulen fernhalten.“

„Sie ist nichts verglichen mit einem Kobel,“ entgegnete Patch. „Sie ist nach allen Seiten hin offen. Und sie ist menschengemacht. Sie ist aus Metall.“

„Ich werde meinen Abend auf der Metalltreppe verbringen, welche, dass kann ich dir versichern, einer Königin angemessen ist, selbst wenn ein verwahrlostes Eichhörnchen sie irgendwie unzulänglich und unwürdig empfindet,“ sagte Zelina hochmütig. „Was dich betrifft, ich wünsche dir Glück dabei, einen Baum zu finden bevor eine Eule dich findet.“

Zelina rannte in Richtung der Luftstraße, während sie die Nähe der Mauern und den Schatten suchte, wie Patch es vorgeschlagen hatte. Einen Augenblick später seufzte Patch und rannte ihr nach. Beide rannten sie auf drei Beinen und schonten so diejenigen Beine, welche durch die Schlingen verletzt worden waren. Sie kamen langsam voran, aber sie wurden nicht angegriffen. Die Metallstufen fühlten sich kalt, glatt und unangenehm an und während Patch zugeben musste, dass es unwahrscheinlich war, dass eine Eule versuchen würde, sich durch die gitterartige Mauer, welche sich auf beiden Seiten der Zickzacktreppe befand, hindurch herabzustürzen, fühlte er sich immer noch ganz und gar ungeschützt. Obwohl er erschöpft war, schlief er schlecht.

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Jon Evans is the award-winning author of the thrillers Invisible Armies, Dark Places (aka Trail of the Dead), and The Blood Price. See his web site rezendi.com.

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