33. Schwüre der Freiheit
Das Licht war so schwach und die Gerüche der Tiere und des Blutes so stark, dass Patch die Ratten, welche die Käfige umstellten, nicht zählen konnte; aber er wusste, dass es Dutzende sein mussten, vielleicht noch mehr, vielleicht eine ganze Rattenarmee. Das Öffnen seiner Käfigtür schien nicht länger ein großartiger Sieg zu sein. Ratten konnten nicht wie Eichhörnchen oder Katzen klettern, aber mit der Zeit würden sie schon einen Weg hinauf und in den offenen Käfig hinein finden. Und falls Patch zu flüchten oder hinab zu steigen versuchte, um Zelinas Käfig zu öffnen, würden sie ausschwärmen und ihn bei lebendigem Leib auffressen.
„Befreie mich, Eichhörnchen,“ sagte Talis, „und ich werde dich beschützen.“
Patch schaute zu dem Fuchs über ihm hinauf. Talis war in seinen Käfig gezwängt. Er war so groß wie ein kleiner Hund und besaß die scharfen Zähne eines Raubtiers. Es bedarf in der Tat einer tapferen Gruppe Ratten, um einen Fuchs anzugreifen und Ratten waren nicht für ihren Mut bekannt. Aber es bedarf eines sehr dummen Eichhörnchens, einen Fuchs zu befreien, welcher bereits versucht hatte, es zu töten und zu fressen.
„Schwöre auf den Mond, dass du mich beschützen wirst,“ sagte Patch. „Und dass du niemals wieder ein Eichhörnchen angreifen wirst.“
„Das ist unerhört!“ schrie Talis.
„Oder eine Katze,“ schlug Zelina vor.
„Ich werde weder das noch etwas anderes auf den Mond schwören!“ sagte Talis.
„Dann werden dich die Hunde kriegen.“
„Dann werden die Ratten dich kriegen.“
„Die werden mich so oder so kriegen, falls ich dich ohne einen Mond-Schwur freilasse,“ sagte Patch.
Talis runzelte die Stirn. Patch sagte nichts. Es erforderte erhebliche Selbstbeherrschung, nichts zu sagen, da einige Ratten sich bereits außen an Zelinas Käfig zusammendrängten, welcher direkt unter seinem war und fiepten, während sie das Drahtgeflecht untersuchten, um einen Weg hinauf zu Patchs offenem Käfig zu finden. Glücklicherweise standen sie sich die meiste Zeit selbst im Weg, aber Patch wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sie herausfinden würden, wie sie ihn erreichen konnten.
„Für ein Eichhörnchen bist du ein abgebrühter Feilscher,“ sagte Talis.
„Dankeschön.“
„Ich kenne noch nicht Mal eure Namen.“
„Mein Name lautet Patch, Sohn von Silver,“ sagte Patch, „und meine Freundin ist Zelina, die Königin Aller Katzen.“
Talis seufzte lange und laut.
Dann erklärte er: „Ich schwöre auf den Mond, dass ich, Talis, Patch, Sohn von Silver und Zelina, die Königin Aller Katzen, beschützen werde.“ Seine Augen glänzten und sein Körper erschauderte, während er sprach und alle Tiere in den Käfigen und sogar die Ratten, welche die Käfige umstellten und sogar die Hunde am anderen Ende des Raums verstummten und hörten auf, sich zu bewegen. „Und ich schwöre auf den Mond, dass ich nie wieder ein Eichhörnchen oder eine Katze angreifen werde.“
Es war Patch, der die erfurchtgebietende Stille durchbrach. „Dann lass uns dich da mal rausholen.“
Er stieß seine Käfigtür auf und kletterte das Drahtgeflecht zu Talins Käfigtür hinauf. Er musste sich wegen seiner Hinterbeine zusammenreißen und der Schmerz seiner verwundeten Pfote ließ ihn wimmern, aber mit verzweifelter Kraft schaffte Patch es, die Vorrichtung, welche Talins Käfig verriegelte, zu öffnen. Patch fiel fast von der Tür herab, als sie aufschwang, aber er fand seinen Halt wieder und schaffte es, von ihr aus auf Talins Käfig zu klettern. Sein verwundetes Hinterbein brannte wie Feuer.
Talis schoss aus seinem Käfig wie Wasser aus einer Fontäne und die Luft füllte sich mit dem panischen Quietschen der Ratten als der Fuchs begann, unter ihnen zu wüten und sie mit Reißzähnen und Klauen zu töten. Hätte die Rattenarmee zusammengearbeitet, hätte sie ausschwärmen und Talis innerhalb weniger Herzschläge auf ein Skelett reduzieren können – aber die erste Welle von Angreifern in einem solchen Schwarm wäre von dem Fuchs getötet worden, bevor Talis überwältigt geworden wäre und keine Ratte war gewillt, sich zum Wohle ihrer Kampfgefährten zu opfern. Stattdessen flohen sie in die Wände, hinein in die verborgenen Zwischenräume und Tunnel des Unteren Königreichs.
Während Patch Zelina befreite, fing ein Bittchor aller anderen eingesperrten Tiere an: „Rette uns! Nach draußen bitte! Befrei uns, öffne unsere Käfige!“
Patchs Bein schmerzte stark und er wusste, dass das auf alle Käfige klettern und sie zu öffnen eine große Anstrengung darstellte, aber er konnte seine Eichhörnchenartgenossen nicht hier zurücklassen, damit sie von Hunden gefressen wurden. Eine nach dem anderen, langsam und unter Schmerzen, brach er die Vorrichtungen auf, welche die Eichhörnchen in Gefangenschaft hielten und ließ sie in den Raum hinaus.
Kaninchen trommelten gegen ihre Käfigwände und schrieen: „Nach draußen bitte bitte bitte! Nach draußen bitte bitte bitte!“ Patch hatte sich nie große Gedanken über Kaninchen gemacht, welche weder sehr helle noch sehr wortgewandt waren. Diese hier taten ihm leid, aber er hatte nicht die Kraft, sie alle zu befreien.
Zu seiner Überraschung sah er Talis an einem Käfig in Bodennähe geschickt an einer der Vorrichtungen, welche ein Kaninchen gefangen hielt, herumspielen. Der Käfig öffnete sich, das Kaninchen hoppelte mit einem Freudenschrei heraus – und Talis tötete es umgehend und begann, sich an seinen Überresten zu laben. Patch zuckte vor Mitgefühl zusammen. Die anderen Kaninchen schnappten vor Entsetzen nach Luft.
„Ich habe nie geschworen, keine Kaninchen anzufallen,“ sagte der Fuchs zwischen zwei Bissen.
„Wir sollten gehen,“ sagte Zelina. „Die Menschen könnten zurückkommen. Die Ratten könnten mit einem Anführer zurückkommen.“
„Sie hat recht,“ sagte eines der gerade befreiten Eichhörnchen.
„Nur noch einen Moment,“ sagte Talis mit seinem Mund voll Kaninchenfleisch.
Dann schallte eine tiefe, pochende Stimme durch den Raum. Sie kam von seiner anderen Seite, von den großen Käfigen her und übertönte die Hunde, die begonnen hatten, bestürzt zu knurren.
„Bitte,“ sagte sie. „Bitte, wenn ihr etwas Mitleid in euren Herzen tragt, helft mir.“
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