32. Die Vorrichtung
„Morgen sterbt ihr,“ fauchte eine Ratte aus der Dunkelheit hervor und weckte Patch aus einem langen und alptraumbeladenen Schlaf. „Morgen sterbt ihr alle und wir werden eure Knochensplitter abnagen.“
„Halt deinen Mund und hau ab, Dreckfresser,“ murmelte Patch beinahe gedankenlos.
„Halt du den Mund, Eichhörnchen. Ihr habt Glück, in euren Käfigen zu sein, sonst würden wir euch jetzt im Namen des Unteren Königs selbst töten.“
„Es gibt keinen Unteren König,“ sagte Patch, indem er sich erinnerte und Karmerruks Worte wiederholte. „Der Untere König ist ein Mythos.“
Ein Schnaufen aufgebrachter Bestürzung hallte von dutzenden Rattenstimmen in der Dunkelheit rings um die Käfige wider.
„Für deine Gotteslästerung solltest du an der Schwarzblutkrankheit sterben!“ sagte eine Ratte wütend. „Dir sollte bei lebendigem Leibe die Haut abgezogen werden!“
„Der Untere König ist so real wie dein morgiger Tod,“ sagte eine andere geschickt und unter allgemeiner Anerkennung der Ratten.
„Woher weißt du das?“ fragte Patch. „Hast du ihn gesehen? Wie sieht er aus? Wie riecht er?“
Zuerst kam keine Antwort und Patch dachte, er hätte die Diskussion gewonnen.
Dann sagte eine Ratte ehrfürchtig, „Lord Snout hat ihn gesehen.“
Patch zuckte vor lauter Verblüffung zusammen. „Snout aus dem Mittleren Königreich?“
„Es gibt kein Mittleres Königreich, das Mittlere Königreich ist ein Mythos,“ sagte die clevere Ratte. Die anderen Ratten applaudierten johlend ihrem Esprit. „Es gibt nur ein Königreich, das Untere Königreich und seine Straßen und Flüsse verlaufen unterhalb der ganzen Schale, die ihr die Welt nennt. Bald werden sich unsere Armeen vom Unteren Königreich heraus erheben und kein Eichhörnchen wird je wieder vom Mittleren Königreich reden, da keines übrig bleiben wird, dass sich an diesen Namen erinnern kann!“
Die Ratten jubelten. Patch wurde wieder still und begann erneut, seine verwundete Pfote zu lecken, welche über Nacht ein wenig abgeheilt war. Es machte keinen Sinn mit den Ratten zu streiten. Was er zu tun hatte, war herauszufinden, wie sie entkommen konnten. Es stimmte, dass eine Flucht unmöglich erschien. Aber falls er keine Möglichkeit fände, würde es nicht lange dauern, bis er und Zelina an die wilden Hunde verfüttert würden.
Ein wenig künstliches Licht kam von der Decke und breitete sich im Raum aus, genügend um das Drahtgitter von Patchs Käfig anzuscheinen. Das eine Ende seines Käfigs, das Ende, welches von der Mauer weg und hin zum Todesplatz und den Hunden zeigte, war etwas locker und es klapperte, wenn Patch dagegen drückte. Diese lockere Wand war außerdem mit dem kleinen, metallenen, menschengemachten Ding verziert. Patch drückte stärker dagegen, aber es war offensichtlich, dass Kraft alleine den Käfig nicht aufbrechen würde. Patch seufzte und schaute sich nach anderen Tieren um. Vielleicht würde ein Vogel herein fliegen, ein Vogel, der stark genug wäre, einen Käfig mit seinen Krallen zu tragen. Dies war keine große Hoffnung. Aber es schien alles zu sein, was sie hatten.
„Wir müssen einen Weg finden, um die Vorrichtung zu öffnen,“ sagte Zelina.
Patch schaute zu ihr hinauf. „Welche Vorrichtung?“
„Die Vorrichtung, welche den Käfig geschlossen hält. Diese Metallvorrichtung.“ Sie zeigte auf das kleine Metallding, welches auch an der lockeren Wand ihres Käfigs saß. Es sah genau wie das an dem von Patch aus, genau an der Ecke zwischen zwei Wänden. „Es gibt eine Möglichkeit, sie zu öffnen. So stecken uns die Menschen hinein und holen uns heraus.“
Patchs Pfoten waren gerade klein genug, dass er sie durch die Maschen des Käfigs strecken konnte. Die Vorrichtung bestand aus einer Metallschlaufe, von der aus sich ein kleiner Metallstab erstreckte. Der Stab war mit einer der Stangen, welche den Rahmen des Käfigs bildeten, verbunden und die Schlaufe umrandete einen Teil des Drahtgeflechts, um so das Öffnen des Käfigs zu verhindern. Ein kleiner Griff ragte von dem Stab hervor. Patch stupste die Vorrichtung mit seiner Pfote an und sie bewegte sich ein wenig, wollte sich aber nicht lösen. Er beschnüffelte sie, aber da war nur der scharfe, pure Metallgeruch. Er verstand Zelinas Behauptung nicht, dass sie den Käfig verschlossen hielt, aber sie hatte unter Menschen gelebt und kannte sich mit ihnen aus.
„Du wirst beide Pfoten benutzen müssen,“ kam eine Stimme von oben.
Patch war verblüfft und schaute nach oben. Die gerissenen, wissbegierigen Augen eines Fuchses schauten ihn und die Metallvorrichtung an der Wand von Patchs Käfig an.
„Benutz eine Pfote, um sie ruhig zu halten,“ erklärte Talis, „und häng deine andere Pfote in das kleine Stück, das absteht ein und drück es vom Rest weg.“
Patch verstand nicht. Talis wiederholte das, was er gesagt hatte und Patch gab sich große Mühe zu verstehen, aber sein Gehirn konnte das, was Talis gerade mit Worten beschrieben hatte, einfach nicht in Bilder und dann in Bewegungen umsetzen.
„Du wirst es selbst machen müssen,“ sagte Patch.
„Ich kann nicht. Meine Pfoten sind zu groß, um durch den Käfig zu passen. Katze, hast du es verstanden?“
„Vielleicht,“ sagte Zelina skeptisch.
Sie griff zwischen ihren Käfigstäben hindurch und versuchte, die Vorrichtung zu betätigen. Es gab ein kratzendes Geräusch und plötzlich erschien ein Spalt in der Metallschlaufe und Patch erstarrte vor Aufregung – aber dann verschwand der Spalt mit einem lauten Klicken.
„Du hast es fast!“ sagte Talis. „Wenn sie einmal offen ist, musst du sie einfach vom Käfig wegdrücken. Mach’s noch mal!“
Das tat Zelina. Sie tat es mindestens ein Dutzend Male. Sie brachte es wiederholt fertig, einen Spalt in der Metallschlaufe zu öffnen, aber dies beanspruchte beide ihrer Pfoten und sobald sie versuchte, irgendetwas anderes mit der Vorrichtung anzustellen, klappte sie zu.
„Es ist hoffnungslos,“ sagte sie frustriert. „Menschen besitzen zehn Finger. Ich habe nur zwei Vorderbeine. Eines hält, eines öffnet, aber ich müsste mir ein drittes wachsen lassen, um sie vom Käfig wegzudrücken. Es gibt keine Hoffnung.“
„Warte,“ sagte Patch.
Er begab sich zum vorderen Teil seines Käfigs und nach einigen Versuchen, in denen er dem bildlichen Beispiel, welches Zelina ihm gerade geliefert hatte, folgte, schaffte er es, die Metallschlaufe der Vorrichtung mit einer Pfote zu fassen zu bekommen, mit der anderen zum vorstehenden Teil aus Metall hinüber zu greifen und den Vorsprung von der Schlaufe wegzudrücken, um einen Spalt zu öffnen.
„Vortrefflich gemacht, aber was nun?“ fragte Zelina. „Du besitzt auch nur zwei Vorderbeine.“
Patch antwortete, indem er mit seinem langen, stolzen Schwanz wedelte. Dann krümmte er seinen Körper so weit er konnte, wölbte seinen Schwanz über seinen Kopf hinweg und schaffte es gerade, seine Schwanzspitze statt einer Pfote zu benutzen, um die Metallschlaufe an ihrem Platz zu halten, während er vor lauter Anspannung seiner Schwanzmuskeln erzitterte.
„Großartig!“ rief Talis aus.
Patch öffnete die Schlaufe mit einer Pfote und streckte seine andere aus – aber er wusste nicht, was er mit ihr tun sollte. Er konnte die Vorrichtung an dem Ort sehen, wo sie war und er konnte sich vorstellen, wo er sie haben wollte, lieber außerhalb des Käfigs als mit einem Stück des Drahtgeflechts zwischen der Schlaufe, aber er konnte sich die notwendigen Bewegungen nicht ausmalen.
„Ich weiß nicht, was ich mit ihr machen soll,“ jammerte Patch.
Talis sagte: „Schließe deine Augen.“
Patch tat dies.
„Jetzt drücke die Vorrichtung nur ein kleines bisschen nach hinten. So ist es richtig. Nun nach links. Ein bisschen mehr. Nun schieb sie ein wenig nach vorne.“
Patch verlor seinen halt auf der Vorrichtung, sie schnappte wieder zurück und er schrie vor lauter Bestürzung, als er seine Augen wieder öffnete –
– und seine Käfigtür öffnete sich mit einem Gähnen.
„Oh Patch, gut gemacht!“ schrie Zelina laut heraus.
Und dann schnappten Dutzende Stimmen überall um ihn herum vor Überraschung, Hoffnung und Vorfreude nach Luft. Viele dieser Stimmen gehörten den Tieren in den Käfigen. Und noch viel mehr gehörten den sie umgebenden Ratten.
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