A children's book for adults by Jon Evans
Aus dem amerikanischen Englisch von Sven Räbiger

4. August 2007

20. Die Brücke

Patch erreichte die Brücke am zehnten Tag seiner Reise durch das Königreich des Wahnsinns. Er wurde sehr geübt im Überleben in den Menschengefilden; im entlang der Draht-Luftstraßen navigieren; darin, andere Tiere zu meiden; darin, dunkle Plätze zu finden, in denen er sich verstecken konnte, sobald gefährliche Schatten oder Gerüche am Himmel oder in der Luft auftauchten; im Auffinden von Nahrung in den kleinen Laubhäufen oder den Schoten, welche die Menschen aus ihren Gebäuden warfen. Er wurde so selbstsicher, dass er seine Reise zurück zum Mittleren Königreich nunmehr als eine Frage der Zeit als eine der Schwierigkeit betrachtete.

Sein Optimismus wurde gedämpft, als er die Brücke erreichte und ihre schieren, kolossalen Ausmaße begriff. Aus der Ferne erschien sie groß, aber dennoch begreifbar. Aber während Patch ihr immer näher kam, begann er zu erkennen, dass die Türme der Brücke mit den Bergen, welche seine Heimat umgaben, um die Höhe wetteiferten und dass sie länger war, als das Mittlere Königreich selbst. Patch würde einen ganzen Tag benötigen, um sie zu überqueren. Und es gab nichts Grünes oder Bewuchs auf der Brücke, sie bestand aus massivem Metall und Beton.

Die Verankerung der Brücke bestand aus einem gigantischen Betonblock, welcher von einer Grünfläche umgeben war, die Patch an seine Heimat erinnerte. In diesem Gebiet gab es grasbedeckte Felder, Büsche und Hügel; und sie wurde durch Ödlandstreifen, die mehrere Menschengebäude beheimateten, geteilt und von knurrenden Todesmaschinen patrouilliert. Von der grasbedeckten Anhöhe oberhalb des Ufers des Großen Wassers aus konnte Patch die Berge des Mittleren Königreichs in der Ferne gleißen sehen. Der Anblick seiner Heimat erwärmte sein Herz, lies ihn sich aber auch auf seltsame Weise klein und ausgesetzt fühlen. Er hatte noch nie zuvor in seinem Leben auf dem Boden stehen und so weit sehen können. Die unermessliche Weite der Welt breitete sich vor ihm aus und ließ ihn und seine Heimat winzig und unbedeutend erscheinen.

Die Luft war klar und frei von jedem Makel, die Sonne war warm, es gab Nahrung im Überfluss und die Spatzen, mit denen Patch kurz plauderte, schienen völlig normal zu sein. (Es gelang ihnen nicht, einen Gedanken für länger als ein paar Herzschläge zu behalten, aber für Spatzen ist dies völlig normal.) Er schien dem Königreich des Wahnsinns entflohen zu sein, ohne tatsächlich die Insel verlassen zu haben. Und es gab hier Eichhörnchen, er roch und sah sie in der Ferne. Es war ein Platz, an dem er in Sicherheit bleiben konnte.

Aber er wusste, falls er dies tat, würde er jeden Tag in der Ferne die Berge, welche seine Heimat umgaben und die Brücke, welche dorthin führte, sehen.

Nachdem er die Sicht auf die Welt, das Große Wasser, die Inseln und die mächtige Brücke von der Hügelkuppe aus verinnerlicht und den Ausblick seinem Gedächtnisbuch anvertraut hatte, drehte er diesem Panorama den Rücken zu und flitzte in Richtung des gigantischen Betonstumpfes, von dem aus sich die Brücke erstreckte. Er nahm an, dass es einen Weg für ein geschicktes Eichhörnchen geben würde, auf die Brücke zu klettern.

Aber er hatte sich geirrt. Je mehr er sie untersuchte, desto unüberwindbarer für Eichhörnchen schien die Brücke zu sein. Die Wände ihres Sockels bestanden aus reinem Beton, unerkletterbar. Ödlandstreifen voll mürrischer Todesmaschinen krümmten und wandten sich in Richtung der Brücke hin. und während Patch gewillt war, falls unbedingt notwendig Ödland zu überqueren, wusste er auch, dass auf ihm entlang zu wandern selbstmörderisch war. Selbst wenn Patch bis zu der Stelle, an der die gewaltigen Brückentürme im Wasser versenkt standen, hinausgeschwommen wäre, selbst wenn er die hohen Wellen und starken Strömungen des Großen Wassers überlebt hätte, waren die Türme ebenfalls unerkletterbar. Es gab ganz einfach keinen Weg hinauf und noch viel weniger hinüber. Er würde für immer auf dieser Insel bleiben müssen.

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Jon Evans is the award-winning author of the thrillers Invisible Armies, Dark Places (aka Trail of the Dead), and The Blood Price. See his web site rezendi.com.

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