1. Die verschwundenen Eicheln
Vor langer Zeit, als die Menschen noch in Städten lebten, wurde ein junges Eichhörnchen namens Patch an einem kalten Morgen, am Ende eines langen erbarmungslosen Winters, im prachtvollen Central Park inmitten des prachtvollen New Yorks, sehr früh durch das Knurren seines Magens geweckt.
Das Heim eines Eichhörnchens wird Kobel genannt. Patchs Kobel war sehr komfortabel. Er lebte hoch oben in einem alten Eichenbaum, in einem ausgehöhlten Stumpf eines großen Astes, der vor langer Zeit von Menschen abgesägt worden war. Der Eingang war gerade groß genug, dass Patch sich hinein- und hinauszwängen konnte, aber der Kobel selbst war geräumig – für ein Eichhörnchen. Patch hatte seinen Kobel mit getrockneten Blättern, Gräsern und Zeitungsstückchen ausgekleidet. Er war warm und trocken, und an diesem kalten Morgen hätte er nichts lieber getan, als den ganzen Tag zu Hause zu bleiben und zu schlafen.
Aber er war so hungrig. Hunger erfüllte ihn wie Wasser ein Glas füllt. Die Kirsch- und Ahornbäume hatten noch nicht damit begonnen, auszuknospen, die saftigen Maden und Käfer des Frühlings waren noch nicht hervorgekommen und es war schon zwei Tage her gewesen, seit Patch eine Nuss gefunden hatte. Stell dir vor, wie hungrig du dich fühlen würdest, wenn du seit zwei ganzen Tagen nichts mehr gegessen hättest und du magst eine Vorstellung davon bekommen, wie Patch sich an diesem Morgen fühlte.
Patch steckte seinen Kopf zum Kobel hinaus in die kalte Luft und zitterte, als er sich umsah. Klumpen weißen, brüchigen Eises hafteten immer noch am Boden. Böen kalten Windes rauschten durch die kahlen Äste der Bäume und schüttelten sie. Die blasse und weit entfernte Sonne schien ihre Hitze aufgebraucht zu haben. Patch nahm sich einen Moment Zeit, um sich zu vergewissern, dass keine Gefahren in der Nähe lauerten, kein Falke, der über ihm kreiste und kein freilaufender Hund, der unter ihm war. Dann schlüpfte er aus seinem Kobel und begann, nach Eicheln zu suchen.
Aber welche Wunder, welche Zauber und welche Geheimnisse verstecken sich in diesen einfachen Worten!
Eichhörnchen sind außergewöhnliche Kreaturen. Denke zunächst einmal darüber nach, wie sie klettern. Als Patch seinen Kobel verließ, lief er zuerst nach oben, anstatt abwärts. Er passierte den Kobel seines Freundes und Nachbarn Twitch, kletterte auf die nördlichste Spitze der Wolke bracher Äste seines Eichenbaumes und hüpfte wie beiläufig auf den angrenzenden Ahornbaum, das Zuhause seines Bruders Tuft. Für ein Eichhörnchen sind alle Bäume Apartmentkomplexe, welche nicht nur durch die grasigen Durchgänge am Boden, sondern auch durch die Luftstraßen überlappender Äste miteinander verbunden sind. Baumstämme sind wie Autobahnen für sie, sogar bindfadendünne Zweige sind wie Laufpfade und sie springen durch den Himmel von einem Baum zum nächsten wie Zirkusakrobaten.
Als er den letzten der dichten Baumgruppe erreichte, machte Patch eine Pause. um sich umzusehen und sein Gedächtnis zu Rate zu ziehen. Sein Gedächtnis war nicht wie deines oder meines. Menschliche Gedächtnisse sind wie in krümeligen Sand geschriebene Nachrichten, welche durch verzerrtes Glas betrachtet werden. Eichhörnchen aber haben Gedächtnisse wie Fotoalben, exakte und perfekte Erinnerungen individueller Momente. Patch hatte wie jedes Eichhörnchen den vergangenen Herbst damit zugebracht, hunderte und aberhunderte Nüsse und Eicheln zu vergraben, jede an einem anderen Ort. Und er hatte alle diese Plätze in seinem Gedächtnisbuch gespeichert. Der Winter war lang gewesen, aber Patchs Erinnerungsbuch enthielt noch ein paar wenige wertvolle Seiten, die die Aufenthaltsorte von im Herbst eingegrabener Nüsse enthielten, welche noch nicht wieder ausgegraben und gegessen worden waren. Patch kletterte auf einen hochgelegenen Ast, stellte sich auf seine Hinterbeine und sah sich, nach einem Bild aus einer dieser Erinnerungen suchend, um.
Wenn du den Central Park an diesem Morgen durch menschliche Augen betrachtet hättest, hättest du Betonwege und Metallzäune gesehen, ein paar frühmorgentliche Jogger und Hundeausführer, alle umgeben von Feldern aus Gras und Eis und kahlen Bäumen und Felsen, und jenseits davon Manhattans endlose Reihen von Wolkenkratzern.
Aber durch Patchs Augen, durch Tieraugen, sah er überhaupt keinen Park. Stattdessen sah er darin eine eigene Stadt. Eine gewaltige und mächtige Stadt namens Mittleres Königreich. Eine Stadt aus Bäumen, Büschen, Wiesen und Seen, eine Stadt vernarbt durch öde Betonbänder, eine Stadt umgeben von endlos aufragenden Bergen. Allerlei Arten von Kreaturen lebten in dieser Stadt. Eichhörnchen in ihren Kobeln, Ratten und Mäuse in ihren unterirdischen Bauten, Waschbären in den Gebüschen, Fische und Schildkröten in den Seen, Vögel flatterten durch die Bäume oder ruhten in ihren Nestern. Um diese Zeit an diesem Tag, sehr früh an einem Wintermorgen, lag das Mittlere Königreich fast verlassen da – aber bald würde der Frühling kommen und die Stadt würde zu einem prächtig gedeihenden Strudel des Lebens und der Betriebsamkeit aufblühen. Alles was Patch tun musste, bis diese gesegnete Zeit anbrach, war genügend Essen für diese wenigen letzten Tage des Winters zu finden.
In der Ferne, nahe dem Rand des dicht bewaldeten Gebiets, das er sein Zuhause nannte, sah er einen gezackten Felsen aus seinem Gedächtnisbuch zu Tage treten. Er war so hungrig, dass er nur kurz anhielt, um nach Gefahren zu prüfen, bevor er kopfüber den Baumstamm in Richtung der Felsen hinabraste. In seinem Gedächtnis war dasselbe Bild einfach da – und der nächstgelegene menschengemachte Berg im Westen, der über die Baumwipfel zu sehen war, war da – und ein bestimmter Ahornbaum, welcher mit orangenen und scharlachroten Blättern an dem Tag, an dem Patch die Eichel vergraben hatte bedeckt war, war genau da und genauso weit entfernt.
Patch fand den Weg zu der exakten Stelle, an der sich all diese Charakteristika zusammenfügten, so dass der Platz an dem er stand und das Bild aus seinem Gedächtnisalbum perfekt übereinstimmten, wie ein Bild und sein durchgepaustes Abbild. Dann begann er zu schnüffeln. Er wusste als eine unbestreitbare Tatsache, dass er im Herbst eine Eichel innerhalb einer Schwanzlänge von dem Punkt, auf dem er stand, vergraben hatte. Und Eichhörnchen können Parfüm in einem Hurrikan riechen, oder Hunde eine halbe Meile gegen den Wind, oder eine lange zuvor vergrabene Eichel.
Aber Patch roch nichts außer Gras, Erde und normale Luftgerüche.
Sein Herz rutschte. Es schien den ganzen Weg zu seinen Pfoten hin zu sinken und zwischen seinen Krallen durchzusickern. Patch gab ein kleines Gemurmel furchtbarer Enttäuschung von sich. Es gab kein Essen hier. Diese Eichel war fort, schon fort.
Dies war nichts Außergewöhnliches. Eichhörnchen fanden und aßen oft Nüsse, die von anderen Eichhörnchen vergraben worden waren. Aber dies war bei jeder Nuss geschehen, welche Patch in den letzten zwei Tagen versucht hatte, auszugraben. Und das war ungewöhnlich. Es handelte sich um eine so erstaunliche Pechsträhne, dass Patch noch nie davon gehört hatte, dass so etwas schon einmal vorgekommen wäre.
Er grub trotzdem, in der Hoffnung, die Eichel würde keinen Geruch abgeben oder seine Nase würde nicht richtig funktionieren. Aber er fand nichts. Er rannte zum nächsten, und zum nächsten, bis schließlich keine Bilder mehr in Patchs Gedächtnisbuch mehr übrig waren, keine Nüsse mehr, die es auszugraben versuchen zu galt. Und er war so hungrig.
Zu diesem Zeitpunkt waren auch andere Eichhörnchen aus ihren Kobeln gekrochen und gruben nach Essen. Patch kannte jedes der halbdutzend Eichhörnchen, die er um sich herum sehen konnte und die des weiteren Dutzends, deren Anwesenheit er im kalten Wind riechen konnte. Sie gehörten alle zu seinem Stamm.
Eichhörnchen sind soziale Tiere, sie haben Familie und Freunde, Sippen, Stämme und Königreiche. Patchs Stamm, die Eichhörnchen der Baumkronen, unterschieden sich vom Wiesenstamm, der nahe der grasbedeckten Ebenen der Stadt lebte oder vom Ramble-Stamm, der die steinigste Wildnis bevölkerte oder vom roten Nördlichen Stamm. Der Baumkronenstamm war mehr eine Gruppe von Individuen, als eine Gemeinschaft. Hätten sie ein Motto gehabt, hätte es gelautet: „Pass auf dich selbst auf“. Keins der Eichhörnchen, das Patch umgab, war aus seiner Sippe. Es wäre eine furchtbar erniedrigende und beschämende Sache für Patch gewesen, zu irgendeinem von ihnen zu gehen und selbst nur nach einem einzigen Bissen Eichel zu fragen. Aber während Stolz wichtig ist, kann man ihn dennoch nicht essen und Hunger ist immer noch wichtiger. Patch war so hungrig, dass er nach Essen gebettelt hätte.
Aber da war niemand, den man anbetteln konnte. Weil kein einziges Eichhörnchen um ihn herum an diesem Morgen eine Nuss gefunden hatte. Alle von ihnen hatten umsonst gegraben.
Patch setzte sich und dachte nach.
Du musst bedenken, dass er ein Eichhörnchen war, ein Tier, eine Kreatur des Instinkts. Denken war nichts Natürliches für ihn. Er musste eine lange Zeit dasitzen, um zu denken, auf einem kleinen eingezäunten Fleckchen Wiese nahe eines dieser öden menschlichen Betonwege. Um ihn herum gab es wenig zu sehen. Die meisten Vögel flogen im Winter in den Süden, die Ratten blieben unter der Erde, die Waschbären hielten Winterschlaf. Da waren nur die anderen hungrigen Eichhörnchen, ein paar flatternde Tauben und die gelegentlich vorbeikommenden Menschen.
Einmal kam ein freilaufender Hund in die Nähe und Patch musste sein Denken unterbrechen, um diese Gefahr zu beobachten. Es war ein sehr seltsamer Hund. Falls es sich überhaupt um einen Hund handelte. Er sah wie ein Hund aus, war aber nicht von einem Menschen begleitet und er verströmte einen starken, wilden Geruch, dem Patch noch bei keinem andern Hund zuvor begegnet war. Das Hunde-Ding sagte nichts, was ebenfalls ungewöhnlich war, aber es betrachtete Patch mit einem kühlen Grinsen voll scharfer Zähne für eine - zumindest gefühlte - lange Zeit. Patch war sehr froh über den ihn umgebenden Zaun. Als das Hunde-Ding sich endlich fortbewegte, seufzte Patch vor Erleichterung. Falls es nötig gewesen wäre, hätte er sich in die Sicherheit eines nahen Baumes flüchten können. Aber er war so hungrig, dass die Bemühung, wegzurennen zusätzlich zu der furchtbaren Anstrengung des Denkens, ihn schwach und benommen gemacht hätte.
Als Patch endlich zu Ende gedacht hatte, hatte er eine Schlussfolgerung gezogen und zwei Entscheidungen getroffen.
Die Schlussfolgerung war, dass etwas sehr seltsam und falsch war. Es war nicht allein Patch, der all sein Essen verloren hatte. Das wäre schlimm genug gewesen. Aber dasselbe schien jedem Mitglied seines Stammes zugestoßen zu sein. Das konnte nicht einfach Pech sein. Etwas größeres, schlimmeres passierte. Es gab dunkle Geschichten, die unter Eichhörnchen geflüstert wurden, uralte Legenden von Wintern, die alle vergrabenen Nüsse des Mittleren Königreichs überdauerten, von Hungersnöten, in denen neun von zehn Eichhörnchen starben und in denen die wenigen Überlebenden gezwungen waren, die toten Körper der anderen zu essen, um zu überleben. Aber es gab keine Legenden, in denen alle vergrabenen Eicheln ungegessen von der Erde verschwanden. Dies war etwas Neues.
Die erste Entscheidung, die er traf, war, dass er seine Familie aufsuchen würde um nachzusehen, ob sie irgendetwas zu essen hatten. Patch war von Natur aus eigenbrötlerisch, er hatte weder seine Familie in den letzten drei Tagen gesehen, noch in dieser Zeit auch nur mit einem anderen Eichhörnchen geredet, aber er wusste, dass sie ihm helfen würden, falls sie konnten, genauso wie er ihnen helfen würde.
Seine zweite Entscheidung war, dass falls seine Familie nichts zu essen hatte, dann…würde er etwas anderes versuchen. Etwas für ein Eichhörnchen sehr ungewöhnliches. Etwas sehr wagemutiges und gefährliches. Aber mittlerweile wuchs Patchs Hunger schneller als seine Angst.
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